Strade Bianche – the epic white roads

Strade Bianche – die legendären Schotterpisten der Toskana haben mittlerweile absoluten Kultstatus erlangt. Ob der Gran Fondo Strade Bianche eigentlich ein Gravelrace ist oder die Entscheidungen über den Rennausgang auf dem Asphalt gefällt werden, konnte VOTEC ENDEAVOR PROJECT Racer Thorben am eigenen Leib erfahren. Klar ist, dass sich dieses Rennen nicht hinter gehypten amerikanischen Vorbilder wie Unbound oder dem Belgian Waffle Race verstecken muss.

Diese Straßen sind ein Traum für alle, die sich in den All-Road Bereich verliebt haben und unter malerischer Kulisse abwechselnd zwischen Straße und Gravelsektoren hin- & her wechseln wollen.

Der Gran Fondo Strade Bianche lädt über 6.500 Fahrer:innen ein sich über 140km mit 40km anspruchsvollem Gravel auf über 2.500 Höhenmetern zu stellen und auf dem legendären Piazza de Campo in Siena anzukommen.

Genau dieses Event schien mir perfekt für meine persönlichen Ziele das VRC auf Herz und Nieren zu testen und über eine Dauer von 3:56h durch die Toskana zu jagen.

Die Atmosphäre vor Ort ist einfach magisch und die Italiener wissen wie man Radsport lebt und liebt – wunderschöne Fahrräder und fitte Athlet:innen soweit man nur schaut. Und jetzt bin ich plötzlich mit Moritz, einem befreundeten Fotografen, mittendrin.

Unsere Unterkunft ist ein kleines Anwesen, welches von Bruna liebevoll komplett autark geführt wird. Lokales Gemüse von benachbarten Bauern und Freunden, erfrischende Abkühlung in dem Fluss aus dem auch das Wasser aufbereitet wird und weitere zwei Gäste, die sich hier wohlfühlen empfangen uns herzlich. Die perfekte Szenerie, um die weißen Straßen in Angriff zu nehmen.

Die ersten beiden Tage vor dem Event testen wir verschiedene Reifen und Reifendrücke. Knappe 4 Bar bei meinen 79kg sollen es werden. Ein perfekter Kompromiss um die Continental 5000 in 32er Breite über diese Schotterstraßen zu führen und um auch auf den größeren Straßen gut rollen zu können. Das Handling ist super und die Traktion hervorragend.

Neben den Reifen ist hier vor allem Fahrtechnik gefragt, denn die weißen Straßen sind von den vorangegangen Regenfällen teilweise sehr ausgewaschen und lassen einen richtig durchschütteln ohne dass man es vorher erkennen kann. Also gut den Lenker festhalten, den Körper stabilisieren und das Rad ausbalancieren.

Durch die hohe Laufruhe des VRC gelingt mir das sehr gut und ich befinde mich am Renntag nach einem hektischen Start (Startposition 2820 von 6500) nach 20 Minuten in der Spitzengruppe. Der erste Gravelsektor erinnert an an Paris Roubaix und es knallt und zischt nur so: überall stehen Fahrer:innen mit Materialdefekten.

Ich habe Glück und fahre mit breiter Brust und viel Power über die Strade Bianche bis ich nach 30km in einen Sturz verwickelt werde . Leider hat mich ein anderer Fahrer derart gerammt, dass ich zu Boden gehe und meine Kette neu auflegen muss, um weiterfahren zu können.

Mit Vollgas geht es danach der Spitzengruppe hinterher und ich scharre ein paar austrainierte Italiener um mich herum, nur um feststellen zu müssen, dass ich die gesamte Arbeit leisten muss, um wieder nach vorne zu kommen.

Aber dafür bin ich angetreten und kann mich in dem nächsten Sektor von der Gruppe lösen und seitdem zu zweit unterwegs mit einem sehr starken Mitstreiter vom Team Colpack Ballan, einem italienischen Nachwuchsteam. Gemeinsam motivieren wir uns und peitschen uns über die Sektoren. Ein Sektor im Mittelteil mit insgesamt 10km Länge fordert uns alles ab – bis zu 18% steile Rampen auf losem Untergrund.

Dabei geht es ständig bergauf und bergab, flache Passagen sind eher die Ausnahme und man ist mental ständig gefordert, was Spaß macht, aber auch anstrengend ist. Die letzten Kilometer nach Siena hinein schaffe ich es mich noch einmal zu lösen und bekomme sogar ein Begleitmotorrad zur Seite gestellt vom Veranstalter was mich durch die Gassen lotst vorbei an den begeisterten Zuschauern, die an der Strecke anfeuern: was eine Wahnsinns-Stimmung hier.

Am Ende ist es Platz 19 geworden. Von knapp 6500 Teilnehmer:innen ein super Ergebnis, auch wenn ich ohne meinen Sturz die Chance auf die Top5 gehabt hätte. Das Rad hat gehalten, was es verspricht: die perfekte Balance aus Speed, Komfort und Laufruhe auf den epischen Straßen mit toughem Gravel als auch auf gut asphaltierten Straßen.

In Siena auf dem Marktplatz angekommen, schaue ich mich um und bin einfach nur glücklich hier zu sein. Das ist All-Road wie es im Buche steht. Das ist ein Abenteuer, wofür diese Räder gebaut werden. Das sind die Momente, die ich ewig in meinem Herzen tragen werde.

Foto Credits: Moritz Sauer

Text: Thorben Haushahn