Gravel WM-Qualifikation Polen

Mit der Gravel Race-Series der UCI bekommen dieses Jahr nun alle Gravel-Fans ihr ersehntes Renn-Format. Wer also gern Schotter und grobe Steine durchpflügt, war am 18. Juni in Polen in Bad Flinsberg genau richtig. VOTEC Endeavor Projekt Athlet Thorben Haushahn war beim Qualifier vor Ort. Wie es ihm auf dem Weg zum Podium ergangen ist, teilt er hier mit uns.

Der etwas andere Stressabbau

Der kleine Kurort Bad Flinsberg lädt neben Aktivitäten zum Stressabbau zum 2. Lauf der Weltserie auf europäischen Boden ein. Knappe 100 km und 2.000 hm gilt es bei der Gran-Fondo-Variante zu bewältigen. Der Kurs startet direkt an einer Ski-Station und fordert vom Start von allen Athlet:innen direkt einen 20-30 min Test ab, je nach Leistungsniveau. Das klingt hart und das ist es auch. Aber es ist eben auch sehr praktisch. Das Peloton sortiert sich hier bei Steigungen bis 17 % von selbst und alle Starter:innen finden nach dem Anstieg ihre Reisegruppe für die kommenden 93 km des Gravel-Adventures.

Um 9 Uhr morgens sollte der Startschuss fallen, was nach einem Frühstück gegen 6 Uhr rief und so ganz und gar nicht meinem Naturell entspricht. 250 gr. Kohlenhydrate sollten es sein – plus eine Flasche Isogetränk 30 min vor dem Start. Das Warm-Fahr-Programm von knapp 40 min ist für mich Routine und gibt mir Sicherheit in Momenten der Anspannung. Etwas Rollen, einmal 4-5 min Schwelle und dazu ein paar Primer von 4-mal 1 minVO2-Max. Den Rest gemütlich fahren um den Kopf zu entspannen.

Bei allem Druck, den ich mir mache, war es mein Hauptfokus das Event zu genießen und Spaß zu haben. Das klingt so leicht, aber bei knappen 14-20 h Training die Woche, wird Spaß auch über den Erfolg definiert und die Erreichung der gesetzten Ziele. So war es kein Wunder, dass ich nicht in der ersten Startreihe stand, sondern viel zu weit hinten. Diese Variante kostete mich definitiv die Spitzengruppe und sehr wahrscheinlich sogar den Kampf um den Sieg. Dafür brachte sie mir eine unheimliche Ruhe. Mit dieser Freiheit im Kopf konnte ich gesamt 6. und in meiner Altersklasse 2. werden. Und das kurz hinter Fahrern wie Nathan Peter Haas und Sebastian Breuer, die gerade erst beim Unbound in den USA in die Top15  in der 200-Meilen-Wertung gefahren sind.

Das zu erkennen, anzuerkennen, zu akzeptieren und daraus einen winning move zu machen, hat mich mental viel Arbeit gekostet.

Da war sie also die Spitzenplatzierung. Was bringt mich so weit nach vorne zu diesen Top-Stars der Szene? Vor allem und an erster Stelle ist es die Bereitschaft, jeden Tag an sich zu arbeiten und das Wort Disziplin ernst zu nehmen. Ich trainiere jeden Tag und habe maximal zwei bis drei Tage im gesamten Jahr, wo ich nichts mache. Selbst an schlechten Tagen setze ich mich aufs Rad, mit dem Wissen, dass es mich voranbringen wird. Konstanz ist hier das Zauberwort.

Dazu habe ich ein Talent, welches mich im Straßenradsport nie dorthin brachte, wo ich mich gerne sah: Ich bin Ausdauer-Athlet. Mit dem Haken, dass ich hochintensive Belastungen nicht so gut vertrage wie andere Athlet:innen. Wenn aber die harten anaeroben Spitzen herausgenommen werden können, kann ich diese Fähigkeit spielen. Das zu erkennen, anzuerkennen, zu akzeptieren und daraus einen “Winning Move” zu machen, hat mich mental viel Arbeit gekostet: Wollen wir doch alle so fahren können wie Mathieu van der Poel.

Machten mir als Jugendlicher diese Intensitäten wie sie im Gravel-Sport vorkommen schon Spaß, scheinen sie nun eine Verbindung mit mir einzugehen. Neben hartem Training und Willen, ist es am Ende doch der Spaß, der mich schnell fahren lässt. Das Orbit-Festival besuchte ich vor zwei Wochen genau aus diesem Grund: Good Vibes sammeln und das Herz-Konto bis zum Rand auffüllen, um mit dieser mentalen Power weiterzuarbeiten und schnell Graveln zu gehen.

Ich bin gespannt, wohin mich diese neugewonnene Freiheit noch bringen wird.

Schnell bergab ging es beim UCI Rennen auf jeden Fall voran: 63 km/h Top-Speed auf einer Gravel-Abfahrt lässt nicht nur das Herz höherschlagen, sondern bringt auch das Material an seine Grenzen. Mit dem bald erscheinenden VRX-Carbonrahmen konnte ich 42er-Reifen von Ultradynamico tubeless mit 2.6 bar fahren. Das mag viel klingen, aber wenn 80 kg mit über 60 km/h auf polnischen Gravel treffen, dann war die Devise: lieber 0.2 bar mehr als zu wenig. Dank der hohen Laufruhe des VRX Carbon konnte ich bei den langen Abfahrten von fast 15 min mehr Entspannung finden und mich auf die nächsten Anstiege fokussieren. Ausgestattet mit Carbon-Lenker, Sattelstütze und Sattel bringt der Rahmen sein volles Potenzial zur Geltung und schafft Komfort auf dem rauen Untergrund: Und jedes Quäntchen an Frische ist für den Erfolg bei diesen Abenteuern wichtig.

Das Thema Erfrischung selbst ist dabei ein eigenes: denn ich bin das Rennen mit 1,5 Liter Wasser gefahren. Wo andere mit Krämpfen kämpfen und das heiße Wetter ihnen zusetzt, kann mein Körper hohe Leistungen auch nach Stunden mit wenig Flüssigkeitszufuhr noch abrufen. Jeder Körper reagiert ein wenig anders und es ist spannend, sich selbst in diesem aufkommenden Konstrukt an Radsport-Disziplin neu zu erfahren, auszutesten und kennenzulernen. Mit dem Erfolg beim Gravel-Adventure in Polen kommt bei mir eine Ruhe hoch, die mir Sicherheit gibt, und die mir sagt, dass es möglich ist, mit den Besten der Welt mitzufahren. Ich bin gespannt, wohin mich diese neugewonnene Freiheit noch bringen wird.