Carpark Everesting Bad decisions make good stories

Wir stecken mitten in der Off-Season – das hält aber Raphael nicht davon ab, ziemlich abwegige Ideen in die Tat umzusetzen: Der Langstreckenspezialist hat die Zeit „zwischen den Jahren“ für das weltweit erste Everesting in einem Parkhaus genutzt. Als Partner in Crime stand ihm dabei Magnus Heller zur Seite, der den meisten als der Kopf hinter dem YouTube-Kanal Roadbike Party bekannt sein dürfte. Ihr erster Versuch endete leider abrupt, für den zweiten Versuch organisierten sie sich eine Genehmigung, um nicht noch mal mittendrin in ihrem historischen Unterfangen ausgebremst zu werden.

Von wem kam die Idee?

Raphael: Ich hatte auf Instagram ein Bild von einem Freund gesehen, der das Parkhaus am Flughafen BER hochgefahren ist. Das fand ich geil, Magnus hatte auch Bock und dann haben wir relativ schnell entschieden, das am Tag vor der Eröffnung zu machen. Bevor das da am Flughafen richtig losging, wollten wir das erledigt haben.

Es gibt ja Leute, die viel Zeit darauf verwenden, den idealen Anstieg fürs Everesting zu finden. Hattet ihr da vorher drüber nachgedacht?

Raphael: Ich hatte das Parkhaus am BER noch nie in echt gesehen, das hätte aber auch keinen Unterschied gemacht. Natürlich bereite ich mich vor und denke darüber nach, wann ich essen muss und so. Aber für uns hat das nie eine Rolle gespielt, ob die Strecke ideal ist, weil wir sowieso keine Wahl hatten. Wir waren aber beide überrascht, dass wir so wenig mit Schwindel zu kämpfen hatten.

Magnus: Wo wir am BER gefahren sind, kreiselte man sich über sieben Etagen mit so fünf bis sechs Prozent Steigung hoch. Das lief ganz gut. Von der Location her war das neue Parkhaus auch ein bisschen anders, am BER war alles neu und leer. Dagegen hatten wir beim zweiten Versuch im Zentrum von Berlin-Neukölln ganz andere Konditionen, da war immer was los.

Raphael: Beim dem Parkhaus hatten wir 22 Höhenmeter pro Runde. Die Außenbahn hatte so 12-13 Prozent Steigung und die innere Spur so 18-19 Prozent, das war am Limit.

Wieso musstet ihr den ersten Versuch abbrechen?

Magnus: Am BER war nach fünf Stunden Fahrzeit gegen acht Uhr morgens Schichtwechsel beim Sicherheitsdienst und da tauchte ein Mitarbeiter auf, der unsere Idee nicht so geil fand. Dann mussten wir halt gehen. Völlig überraschend auch, weil die anderen Wächter vorher echt cool waren.

Raphael: Wir sind sogar noch zu einem anderen Parkhaus gefahren, weil wir so motiviert waren, das nochmal von vorne anzufangen. Aber das Parkhaus hatte nur drei Stockwerke und da war eine Schranke, unter der wir jedes Mal hätten durchkriechen müssen. Bei aller Liebe, aber nein Danke …

Wann seid ihr denn bei eurem zweiten Versuch losgefahren?

Raphael: Um 5 Uhr, wir wollten vorher noch ein bisschen schlafen. Das war dieses Mal echt hart, weil wir die letzten 13-14 Stunden in völliger Dunkelheit gefahren sind. Dazu kam, dass ein Parkhaus mitten in Neukölln auch aufregend sein kann. Wir hatten unsere Sachen auf der obersten Etage abgelegt und da war so ein Typ, der wahrscheinlich auf Drogen war. Da kamen wir dann irgendwann nach oben und er meinte nur, dass er alles geklaut hätte, wenn wir nur ein paar Sekunden später oben gewesen wären. Wir hatten auch eine riesige Plastiktüte mit Essen und einer Pumpe deponiert, die abends einfach verschwunden ist. Wir hatten da noch gute zehn Stunden vor uns und beide nur noch einen halben Liter Wasser, das war nicht so geil. Da mussten wir noch zum Späti fahren und uns mit Schokolade und Cola eindecken.

Magnus: Da war dann doch mehr los, als man gedacht hätte. Eine Dame stieg in ihr Auto und wollte wissen, wieso wir im Kreis fahren. Die kam am nächsten Morgen wieder und war ganz verblüfft, dass wir immer noch da sind. Der Sicherheitsmitarbeiter, den wir ganz am Anfang getroffen hatten, kam abends wieder und wollte wissen, wo wir geschlafen haben. Der war super! Im Prinzip haben wir ja seine Schicht mit ihm zusammen gemacht und wir durften am Ende auch unsere Taschen in sein Auto legen.

Gab es denn Momente, wo ihr die Schnauze voll hattet und abbrechen wolltet?

Magnus: Ungefähr bei 4.000 Höhenmetern hatte ich nicht mehr so richtig Lust. Wenn das Parkhaus spontan abgebrannt wäre, hätte ich das zu dem Zeitpunkt nicht so tragisch gefunden, aber es ging dann auch irgendwann wieder. Ich hatte den einen müden Punkt, aber der ließ sich überstehen. Es ist glaube ich auch normal, irgendwann in ein Motivationsloch zu fallen, egal wie viele Süßigkeiten man isst.

Raphael: Mir ging es ähnlich, ab 5.000 Höhenmetern tat es richtig weh. Aber ansonsten war ich mir schon recht sicher, dass wir das durchziehen. Am BER wäre es vielleicht von der Steigung her einfacher gewesen, aber wir wären auch da an den Punkt gekommen, so oft hoch- und runtergefahren zu sein, dass es nicht mehr witzig ist. Die Nacht fand ich superhart, ich habe dann Kopfhörer reingemacht und wir sind einfach stumpf zu Ende gefahren. Unser Rhythmus hat sich dann auch verschoben, ich habe mich auch mal für einen Power Nap ins Treppenhaus gelegt.

Magnus: Ich bin in der Nacht immer ungefähr eine Stunde gefahren, das waren ca. 500 Höhenmeter, und habe dann eine Pause gemacht. Der Spaß war dann schon irgendwann weg, aber es war schon klar, dass ich das zu Ende fahre, wenn mir nicht das Knie abfällt oder ich mir langfristige körperliche Probleme einhandle. Es ging halt doch irgendwie.

Hast du nebenher gefilmt?

Magnus: Meine Freundin Laura hat etwas gefilmt, als sie da war und ich habe dann so ungefähr alle 2.000 Höhenmeter ein Update über meinen körperlichen und mentalen Zustand gegeben. Ich hatte die GoPro auf die Brust geschnallt und kann die bei Bedarf rausnehmen, das stört mich nicht. Auf meinen Aufnahmen gibt es aber nicht so viel zu sehen, wir fahren halt linksrum hoch und rechtsrum runter. Laura hat noch viele schöne Sachen gefilmt, auf denen man uns beim Leiden zusieht und die vielen verrückten Gestalten sieht, die in einem Neuköllner Parkhaus ein- und ausgehen.

Wie sind eure Radcomputer denn damit klargekommen, dass ihr in einem massiven Betonblock hoch- und runtergefahren seid?

Magnus: Bei mir wurden die ersten 400 Höhenmeter nicht aufgezeichnet, weil ich meinen Geschwindigkeitssensor nicht gekoppelt hatte. Wie du schon sagst, das ist ein Betonblock und da hast du relativ schlechten Empfang. Wenn du den Geschwindigkeitssensor nicht gekoppelt hast, dann zeichnet der Computer nicht so genau auf.

Raphael: Wir hatten vorher extra nachgefragt und den Rat bekommen, den Computer draußen anzumachen. Der weiß dann die Höhe und dann passt das, auch wenn man drinnen fährt. Bei mir hat alles perfekt funktioniert bis genau zu 6581 Höhenmetern. Dann ist mein Computer abgestürzt und ist dann immer wieder neu gestartet. Zum Glück war noch ein Kumpel da, der Ersatz dabeihatte. Den habe ich dann ein paar Runden benutzt, bis meiner von selbst die Datei repariert hatte und wieder funktioniert hat.

Magnus: Mein Computer ist abgestürzt, als ich fertig war. Die fit-Datei ist völlig zerstört, obwohl man genau sehen kann, bis zu welchem Punkt sie noch in Ordnung ist. Ich habe aber den ultimativen Videobeweis. Wenn das nicht im Rekordbuch steht, ist das zwar traurig, aber ich kann trotzdem damit angeben. Das war das erste Parkhaus-Everesting!

Wie lang habt ihr denn am Ende gebraucht?

Raphael: 24 Stunden und 5 Minuten waren es bei mir. Geschwindigkeitsrekorde haben wir definitiv nicht aufgestellt.

Was kann denn nach einem Parkhaus-Everesting noch kommen?

Magnus: In meinem Kopf schwirrt schon seit langem die Frage rum, wie viele Kilometer man an einem Tag auf dem Tempelhofer Feld machen kann. Das kann man auch offroad über die Wiese machen, aber natürlich nur im Sommer, weil das Feld dann länger aufhat. 18 Stunden hat man Zeit und dann kann mal schauen, wie weit man kommt. Die Messlatte ist allerdings recht hoch, weil Christoph Strasser ja den 24-Stunden-Weltrekord da gefahren ist, das waren 896 Kilometer.

Raphael: Für mich habe ich schon mal an ein doppeltes Everesting gedacht, aber wenn man mal ganz realistisch ist, müsste man dafür viel schneller fahren. Wenn man da so rumschleicht wie wir, dann dauert das einfach zu lang. Falls das einfache Everesting 12-13 Stunden dauert, dann ginge das, aber das ist in ganz weiter Ferne. Vielleicht auch nicht unbedingt wieder in einem Parkhaus …

Magnus: Ja, Parkhaus ist gegessen. Mir graust es gerade vor jeder kleinen Rampe.

Dann kommen wir doch mal zu den Schlussworten.

Raphael: Danke an Laura, Carlos und meinen Bruder, die sich um das Mediale gekümmert haben. Es kamen noch ein paar Freunde vorbei und da haben noch ein paar Amis geskatet, das hat enorm geholfen, weil man wusste, dass man nicht allein ist und immer mal wieder Menschen sieht. Sobald die weg waren, war es halt richtig beschissen.

Magnus: Ohne den Support wäre es nicht möglich gewesen, das so entspannt (lacht!) hinzubekommen. Danke!


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Weitere Infos:

Raphaels persönlichen Erfahrungsbericht lest ihr auf seinem Blog.

Die genauen Statistiken des Höllenritts sind in der Hall of Fame auf everesting.cc für alle Zahlennerds zu finden.

Wer den YouTube Kanal von Magnus noch nicht kennt sollte unbedingt für eine gute Portion Entertainment sich bei Roadbike Party einschalten.

Fotocredits: Carlos Meyer https://carlosmeyer.com/

Text: Martin Ohliger